Meines Tages - dritter Reisebericht
2008-09-10 18:43:31
Meines Tages Ich wollte in Ruhe Selbstmord begehen. Und auch wenn es das letzte war an das ich denken sollte, lagen meine Gedanken der Tat in der Express von morgen. “… (…) Herr Kim (42) hat sich am Abend des ersten Novembersonntags das Leben genommen. Seine leiche wurde am Rheinufer, unter der Deutzerbruecke in Koeln, am spaeten Nachmittag des folgenden Tages aufgefunden. Herr Kim trug seinen Reisepass und einen handgeschriebenen Abschiedsbrief mit sich, in dem Er beschreibt, dass die Ursache seiner tat im Druck seiner sozialen Bikultur lag der er seit 30 jahren seine Homosexualitaet verschwiegen hat. Herr Kims Familie erlitt einen Schock… bla bla bla” Ich fand, dass der Reisepass ein lustiger kleiner touch war. Reise ins Ungewisse. An dem Einwanderrungsschalter muss erst einmal gecheckt werden, ob ich auch ein Visum fuer die Hoelle habe (wir haben hier schon zuviele transen, huhrensoehne und schwanzlutscher: abschieben). In Wahrheit hatte ich nie Probleme mit meiner heimlichen Homosexualitaet zu leben. Nach einer typischen Kyopo-mid-life-crisis habe ich mich sogar endlich damit zurecht gefunden, dass ich nie mehr in meinem Leben sexuelle Befriedigung finden werde. Ich habe mich dazu gezwungen zu lernen, die dinge zu lieben, die einem Orgasmus am naechsten lagen. Wir Menschen finden interessante Ventile wenn es um die Kreation unseres Ausdrucks geht. Obwohl meiner wohl der unkreativste war. Das war alles und nichts mehr. Als meine aelteste Tochter gestorben ist, brach meine Welt zusammen. Denn so wie beim Tango, gibt es auch in der kulinarischen Kunst, wie bei einem Balzritual, ein dominantes und ein submissives Rollenspiel . Und auch wenn ich eher der passive Partner beim Sex bin, war ich der “control freak” in der Kueche. So viel wie Kochen mit Kontrolle, mit absoluter Praezision, Praesentation und mit absoluter Obsessivitaet und Befriedigung zu tun hat, so hat der Konsument meines Gerichts die Rolle des demuetigen, des gehorsamen und des unterwuerfigen zu spielen. Es gibt nichts nackteres als zwei Menschen, die zusammen die Rollen des Kochs und des Gasts spielen und sich der Lust ihrer Muender und Gemueter ausliefern. Durch mein Gericht, nicht meine Kochkunst zu schmecken, sondern mich, meine Gedanken, meine Interpretationen, meine Persoenlichkeit. Und diese Rolle erfuellte der Freund meiner Tochter. Sein name ist Tschi-Hun. Neben den heimlichen Fantasien die ich ueber den huebschen, jungen Burschen hatte (ich glaube er war damals 17), war es vielleicht auch nur meine farbenfrohe Vorstellungskraft. Aber zu sehen wie schuechtern und unerfahren er mit meiner Tochter umging, und im gegensatz dazu eher charmant und beinahe wie ein Flirt mir gegenueber rueberkam. Ich kam mir wie in einer Homo-version von “Lolita” vor. Ob er bewusst mit mir so umging? Hat er jemals gewusst, dass ich schwul war? Oder war es nur seine natuerliche Art und Weise? Sein schmales Gesicht von der Seite, seine Lippen die so voll wahren wie die einer Frau und trotzdem maennlich wirkten. Das Gruebchen in seiner Wange, wenn er mich anlaechelte. Und die grossen Schlitzaugen, in der heisse Buttertropfen anstelle von Traenen heraus zukommen schienen. Alle koreanischen Eltern um uns herum waren in Wahrheit von ihm angetan. Und auch wenn er manchmal etwas nonchalant, sogar arrogant rueberkam, wusste ich, dass er gerne bei uns war, weil er meine Kueche genoss. Fuer mich war der Countdown zu jedem Freitag wie die Vorbereitung fuer das perfekte Date. Was ich kochen musste und wieviel Zeit ich in die Vorbereitung hineingesteckt habe, war mit Abstand mehr Liebe als ich meinen eigenen Kindern jemals geben konnte. Die Intensitaet beim schaelen oder beim marinieren zu spueren, dass dieses Stueck Rindfleisch oder jener Tropfen Ganjang sein Zunge beruehren wuerde. Dass er etwas in seinem Koerper aufnehmen wuerde, dass von mir kreiert wurde. Die Antizipation fuer jenen Moment, in dem er aufblickte und mir ein zufriedendes Kompliment gab, waren die Sekunden, die ich in Zukunft niemehr verspueren durfte. So stark wie ich den Aufbau zu jedem Abendmal mit der Aufregung eines Teenagers genoss, so tief wahr der Fall nachdem ich erfahren habe, dass meine Tochter gestorben ist. Denn ohne meiner Tochter gab es keine Ausreden, warum ich ihn sehen sollte. Ausserdem wusste ich, dass wir alle hier nur die Erinnerungen an meiner Tochter verschaerft haetten. Und alle haben fuer sie getrauert. Manche trauern heute noch. Alle, ausser mir. Meine Trauer war die Emotion eines Teenagers der seine erste Liebe nicht mehr sehen durfte. Als 16 jaehriger hatte ich noch die Energie, den Lebenssaft mich diesem Tumult der Emotionsachterbahn abzuwehren, aber ich war nicht darauf vorbereitet, dass diese Emotion mir mit meinen 43 Jahren nun so schwer faellt. Ich bin nun mal kein Stuermer und Draenger mehr und ich habe mich an das Leben mit einem ruhigeren Rythmus gewoehnt. Und so kam es, dass ich mich dazu beschloss mein Leben zu nehmen. Der Tod meiner Tochter war bereits Grund genug um im oeffentlichem Auge das Vergeben meiner Tat zu ergattern. Und auch wenn der Grund auf diesem Blatt so Simpel geschrieben wirkt, so hat mich die Kraft verlassen in meinem Leben nach mehr zu Suchen, denn es gab nichts mehr zu finden. Es schien alles so einfach wenn ich nicht unter dem Deckmantel der Moral sondern der kreativen Biologie existiert haette. Nun moegen viele von euch Fragen, warum dieser Text? Offensichtlich lebe ich noch. Dieser Text ist mein Gestaendnis. Mein Gestaendnis an Dich. An jenem Novembersonnatg als Du mich angerufen hast, haette keiner wissen koennen, dass ich meine Uhr abgelegt, meinen Abschiedsbrief, meinen Reisepass, meinen lieblings Tanga und mein bestes Parfum mit mir trug, um mich auf das einzig Sichere in einem unsicheren Leben einzulassen. Dein Anruf war so ploetzlich, dennoch nicht ueberraschend. Und fuer Dich schien es nur die Logik, zu erlauben bis jetzt gewartet zu haben, um den Mut aufzubringen, damit wir uns gemeinsam voneinander verabschieden konnten. Du bei meiner nicht mehr existierenden Tochter und ich mich von Dir. Unser letztes gemeinsames Mahl war, fuer mich paradoxer weise die Geburt meines Mutes. Wo ich geglaubt haette es waere das Ende gewesen, denn nach dem Essen haettest Du Dich von mir abgewendet und mir Deinen Ruecken gezeigt, ohne zu wissen, dass Du mich auf meine letzte Reise geschickt haettest, fing ich an durch Deinen Mut mir Deinen Ruecken der Ironie zu zeigen, Kraft zu schoepfen. Bis jetzt hatte ich nur den Sinn die Knospe der Jugend zu konsumieren. Doch nun konnte ich nur noch von dieser einen Tat von Dir inspiriert werden. Nun frage ich Dich, wenn Du wuesstest, dass Du Morgen sterben wuerdest, wie wuerde Dein letztes Abendmahl aussehen? Durch Dich habe ich meine neuentfachte Passion fuer die kulinarische Kunst wieder entdeckt. Und ich kann mich selten daran erinnern, jemals ein Gericht mit soviel Intensitaet und Schweiss hergerichtet zu haben, nur damit Du mir Deinen Ruecken zeigen, und ich Dir mit meiner neu geoeffneten Handflaeche, Adieu winken kann. Warum kriegen wir die Jungend in einem Alter in der wir nichts davon haben? Fuer diese inspirierte Frage danke ich Dir. Und an all die anderen Leser die sich fuer das Mahl interessieren, dass wir an jenem Abend gemeinsam verzerrt haben, moegen bitte eine webmail an Tschi-Hun schreiben, denn er besitzt das Rezept. Alles Liebe und Gute Nacht. E. – K. Kim
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